Gisela Mätzke
Ich möchte mit meiner Geschichte Mut machen, möchte Mut machen all denen, die sich bisher mit Hörgeräten noch mehr schlecht als recht durch´s Leben wurstelten, und sich verzweifelt an die letzten Hörreste klammerten.
Wenn ich einmal ganz ertaubt bin, dann kann ich mir ja immer noch ein C.I. einsetzen lassen.
Wie gut, daß es in den letzten Jahren diese Hoffnung gab. Aber, warum so lange warten? Warum warten, bis es ganz still um uns geworden ist? Warum warten, bis die eigene Sprache sich verschlechtert? Warum warten, bis das Sprachzentrum im Gehirn einzuschlafen beginnt? Die Zeiten sind endgültig vorüber, wo nur voll Ertaubte implantiert wurden. Heute wird die Implantation bei jedem durchgeführt, der sie selber wünscht und bei dem mit dem Implant eben ein erheblich besseres Sprachverständnis zu erwarten ist als mit den Hörgeräten. Ob die Implantation medizinisch möglich ist, darüber entscheidet in jedem Einzelfall die sehr gründliche Voruntersuchung.
Es wird immer das ertaubte oder das schlechtere Ohr implantiert, wenn nicht medizinische Gründe dagegen sprechen! Diese Operationstechnik ist heute so ausgereift, es wird so vorsichtig operiert, daß in vielen Fällen sogar die Hörreste auf dem implantierten Ohr erhalten werden können!
Es kursieren die haarsträubendsten Märchen über die Gefahren, Komplikationen und völligen Mißerfolge dieser Operation und zwar nicht nur bei den Hörgeschädigten, sondern sogar und leider bei vielen HNO Ärzten. Auch mein HNO Arzt wollte mir keine Überweisung geben, weil er nicht über den neuesten Stand der Entwicklung informiert war!
Es sind aber immer wieder die gleichen, wenigen Geschichten von ganz bestimmten Hörgeschädigten, oft sogar aus den Pioniertagen der Implantation, die verallgemeinert werden und sich als Märchen verselbständigen. Sie spuken unausrottbar in den Köpfen der Implantgegner herum. Und zögernden Hörgeschädigten wird natürlich mit diesen Märchen die Entscheidung für ein C.I. sehr schwer gemacht.
Die große Mehrzahl der weltweit über 25.000! Implantträger ist zufrieden.
Viele Hörbehinderte glauben, ihnen könne das C.I. nicht helfen, da irgendwann einmal ein HNO Arzt gesagt hat, die Hörnerven seien kaputt. Das stimmt fast nie!!! Die Hörnerven sind nur in seltenen Fällen kaputt, z.B. nach schweren Schädelverletzungen (Motorradunfälle) oder Akustikusneurinomen.
Viele Ärzte haben die sehr dumme Angewohnheit, von kaputten Hörnerven zu sprechen, wo zugrunde gegangene Hörsinneszellen gemeint sind... der Patient versteht das ja doch nicht!
Ob der Hörnerv funktioniert oder nicht, das kann nur an einer implantierenden Klinik festgestellt werden durch den Promontoriumtest. In örtlicher Betäubung wird eine sehr dünne Sonde durch das Trommelfell bis an das runde Fenster vorgeschoben, und es wird geprüft, ob der Patient etwas hört, wenn über die Sonde Impulse gesendet werden. Es ist ein Märchen, daß dieser Promontoriumtest taub macht. Das ist Quatsch!
Mein Hörverlust begann irgendwann in der Kindheit, wurde erst mit 17 Jahren entdeckt, als ich im Gymnasium bereits erhebliche Probleme mit den Fremdsprachen hatte und wurde im Laufe des Lebens gleichmäßig und konstant auf beiden Ohren immer größer. Nach der Geburt des 2. Kindes, 1966, bekam ich mein erstes Hörgerät, seit 1984 war ich beidseitig, also stereophon mit Tieftonhörgeräten versorgt.
Da ich über ein gewisses Maß an technischem Verständnis verfüge und deshalb auch etliche Jahre in der Technikkommission des DSB mitgearbeitet habe, war ich, soweit als möglich, optimal mit Hörgeräten versorgt. Ich bin sehr aktiv, habe von Kindheit an automatisch das Absehen gelernt, liebe meine Sprache und verfüge deshalb über gute Sprachverarbeitungsstrategien. So ist mein sehr starker Hörverlust in DSB Kreisen kaum jemandem recht bewußt geworden. Das Prädikat taub wurde mir nie zuerkannt.
Aber in meinem hörenden Umfeld merkte ich von Jahr zu Jahr mehr, daß ich zum Einsiedler wurde. Ich war traurig, daß ich meine geliebten und sehr temperamentvollen Enkelkinder mit ihren hohen Piepsstimmen nicht verstehen konnte. Statt lustiger Kommunikation gab es Gummibärchen.
Natürlich habe ich die Entwicklung des C.I. von seinen Anfängen 1984 in Deutschland, sehr sorgfältig beobachtet. Ich kenne viele Implantträger. Alle hörten sie viel mehr als ich, sie hörten Vogelstimmen, hörten Papier knistern, hörten sogar Plastiktüten, die für mich völlig geräuschlos waren, aber, sie verstanden trotzdem nicht wesentlich besser als ich. Warum nicht? Was an dem neuen Hören verhinderte ein wirklich gutes Verstehen?
Es wurden aber auch nur voll Ertaubte implantiert, viele von ihnen waren schon lange Jahre taub, da hat sich natürlich das Sprachzentrum im Gehirn auf die Verarbeitung von visuellen Reizen eingestellt. Das Umlernen auf die Verarbeitung von akustischen Reizen benötigt eben Zeit.
Ich habe im letzten Jahr die wunderschöne Erfahrung machen können, daß Implantträger auch nach vielen Jahren mit dem Implant plötzlich noch große Fortschritte im Verstehen machen können. Seit etwa 2 Jahren machte ich die sehr schmerzliche Erfahrung, daß mir meine eigenen Kinder mehrfach sagten: Mutter, du bist so zynisch geworden! Nein, ich war nicht zynisch, aber der Versuch, das Ausgeschlossensein, das Nichtverstehen, die tiefe innere Einsamkeit und Traurigkeit durch Humor zu überwinden, kam eben beim Hörenden nicht immer als Humor an, sondern als Zynismus.
Da hörte ich von den ersten wirklichen Spitzenerfolgen. Eine Implantierte konnte schon nach relativ kurzer Zeit wieder Radio hören, welch ein Wunder! Also muß inzwischen die C.I. Technik doch ausgereift sein! Mein Entschluß stand fest: Ich wollte mich implantieren lassen. Wer mich kennt, der weiß, daß natürlich auch eine Portion Abenteuerlust und Neugier mit dabei im Spiel waren, ich wollte es einfach selber genau wissen.
Im Mai 1996 fand die sehr gründliche Voruntersuchung in Hannover statt. Ich würde auf dem schlechteren linken Ohr ein Implant bekommen. Im August wurde ich operiert.
Viele Hörgeschädigte haben große Angst vor dieser KopfOperation. Beobachtet man die kleinen implantierten Kinder, wie sie, kaum aus der Narkose erwacht, putzmunter wieder herumtollen, so ahnt man, daß diese Angst eigentlich überflüssig ist. Der Schädel, die Kopfhaut ist sehr unempfindlich und die Wundschmerzen sind äußerst gering. Ich hatte nur so ein Gefühl, als hätte ich einen etwas stramm sitzenden Helm auf dem Kopf und konnte, als ich aus der Narkose aufwachte, sofort wieder schwindelfrei aufstehen.
Das Titan-Implant ist in einer elastischen, der Kopfform angepaßten Silikatschale untergebracht und heute so flach, daß von außen absolut nichts zu spüren ist. Die ersten beiden Nächte nach der Operation waren unangenehm, da ich bei jeder Lageveränderung äußerst unangenehmen Tinnitus bekam, aber bereits in der 3. Nacht konnte ich wieder gut schlafen und sogar auf der implantierten Kopfseite!
Bereits 2 Wochen nach der OP bin ich alleine mit Zelt, Schlafsack und Boot bei herrlichstem Sonnenschein einige Tage die Fulda hinabgepaddelt, um mir meinen kurzgeschorenen Skalp zu bräunen. Es war himmlisch!
Ende September wurde mir der Sprachprozessor angepaßt, das neueste Modell von Nucleus, der Sprint. Der Sprachprozessor wird mit einem großen Computer verbunden, und die 22 Elektroden werden zuerst auf die jeweilige Lautheit eingestellt. Aber was bedeutet angenehm bei Tönen, die ich noch nie gehört habe?
Das Gehirn muß sich erst an diese Töne gewöhnen, ehe ich eine konkrete Aussage machen kann. Noch viele Neueinstellungen werden nötig sein. Der erste Hörversuch: O Schreck, das klingt ja grausam! Lieber Gott, habe ich eine große Dummheit gemacht? Alle meine implantierten Bekannten hatten von Mickymausstimmen gesprochen, darauf war ich vorbereitet. Ich jedoch habe das Gefühl, ich sei in Hitchcocks Film: Die Vögel katapultiert worden. Tausende von Aras und Beos und Krähen kreischen durcheinander, und meine eigene Stimme klingt so völlig fremd, klingt wie ein bösartig zischelnder Geist aus dem Weltraum. Sei doch mal still, ich möchte auch was sagen! sage ich kläglich zu meiner eigenen Stimme. Die erste Mahlzeit ist ein Alptraum aus schrillen, hohen Geräuschen. Viele kleine Hämmerchen trommeln auf dünne Blechplatten! Ich wage kaum, Messer und Gabel zu berühren. Das Schlimmste aber sind Plastiktüten, sie machen wahren Höllenlärm. Noch am gleichen Tag bitte ich um eine Neueinstellung meines Sprachprozessors. Die Plastiktüten müssen leiser werden.
Aber seltsam, trotz dieser schlimmen Geräuschkulisse verstehe ich Sprache sehr deutlich, vor allem alle Konsonanten, die ich mit Hörgeräten schon lange nicht mehr gehört hatte. Ich brauche sie nicht neu zu erlernen, sie sind sofort da! Ich staune, wieviele z auf einmal in der Sprache vorkommen. Jetzt gilt es, mich erst einmal an die eigene so völlig veränderte Stimme zu gewöhnen. Ich lese mir aus einem Buch selber laut vor, stundenlang, achte auf jeden Buchstaben, jede Buchstabenkombination, wiederhole immer und immer wieder. Was ich höre, wie höre ich es, was versehe ich gut, was schlecht?
Am Abend gehe ich in den nahen Schrebergärten spazieren und höre... ja, es kann nur eine Amsel sein. Vor über 20 Jahren hatte ich sie letztmalig gehört. Da sitzt sie über mir im Baum und singt für mich ihr Lied, und ein warmes Glücksgefühl durchströmt mich nach der gewaltigen Anspannung dieses ersten Hörtages. Auch der Springbrunnen klingt so schön, und die Kiesel unter meine Füßen klickern und klackern!
Beim Hörtraining gab es keine Schwierigkeiten, ich verstand fast alles gut, und es ging zügig durch das Programm. Meine kleinen grauen Zellen gewöhnten sich sehr schnell an die so neue Geräuschkulisse. Bereits nach wenigen Tagen hörte ich, wenn ich nachts aufwachte, sehr deutlich und sehr real Stimmen, die zu mir sprachen und mit mir das Hörtraining des Tages wiederholten. Für mich war es das positive Zeichen, daß mein Gehirn die neuen Höreindrücke bereits abgespeichert hatte. Die Stimmen hörte ich etwa 4 Wochen lang, dann verstummten sie langsam.
Also alles prima, nur der Klang war immer noch sehr unbefriedigend. Alle Menschen, dicke Brummbassmänner und auch der Herr Professor sprachen mit Kanarienvogelstimmen, wenn auch mit sehr deutlichen. Männer-, Frauen- und Kinderstimmen konnte ich nicht unterscheiden. Es fehlten völlig die schönen tiefen Töne, die mir vom Hörgerät vertraut waren.
Also Hörgerät und C.I. mischen! Würden sich soooo unterschiedliche Höreindrücke mischen lassen? Von allen Seiten erfuhr ich, daß es den meisten Patienten nicht gelingt, so unterschiedliche Höreindrücke zu mischen, und außerdem würden sie das nur in der Übergangszeit machen und dann das Hörgerät absetzen. Ich wollte es trotzdem versuchen! Es schien völlig unmöglich. Ich hörte immer 2 Stimmen, eine tiefe, mir bekannte und dazu aus der linken oberen Ecke des Weltraumes eine flüsternde Geisterstimmen.
Am 5. Tag führte ich ein für mich sehr wichtiges Gespräch. Als ich mich voll auf meinen Gesprächspartner konzentrierte und das Hören vergaß, da schlüpfte die Geisterstimme heimlich in den Gesprächspartner hinein. Hurra, es geht!
Von jetzt an ging es steil bergauf und ich hatte ein Erfolgserlebnis nach dem anderen. Hörtraining und Hörtests in der Klinik werden natürlich nur mit dem C.I. alleine gemacht.
Im Privatleben jedoch benutze ich ausschließlich C.I. auf dem einen und Hörgerät auf dem anderen Ohr gemeinsam. Sehr schnell sind die beiden so unterschiedlichen Höreindrücke zu einer harmonischen Einheit und Ergänzung geworden.
Nach 5 Tagen Hörrehabilitation fuhr ich übers Wochenende nach Hause, ich war ja so neugierig, wie ich in meiner gewohnten Umgebung würde hören können. Die 3 Enkelkinder kamen sofort mit Omi, Omi Geschrei angeflitzt. Ich verstand sie alle 3 prima, jedes Wort! Ich verstand sogar, o Wunder, meinen Sohn in seinem fahrenden, uralten, klapprigen VW Bulli! Es war ein total glückliches Wochenende.
Inzwischen habe ich meinen Sprachprozessor ein halbes Jahr. Das gute Hören ist schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber in der Morgenfrühe, wenn ich meine Hörtechnik einschalte, dann empfinde ich es täglich neu als Wunder und Geschenk, wie sich die vorher geräuschlose Welt verändert, lebendig und farbig wird. Beim Frühstück höre ich die Nachrichten im Radio, abends im Fernsehen sehe und höre! ich mir gezielt Talk-sendungen an, mit meinen Mitmenschen ist der so wichtige small talk wieder problemlos möglich. Längst eingeschlafene Beziehungen beleben sich wieder. Mir erschließen sich neue Welten. Abends im Spiegel schaut mich ein heiteres Gesicht an und nicht mehr dieser so verhaßte Glotzblick, der sich durch das angestrengte und konzentrierte Absehen einstellt.
Natürlich ist der anfangs so scheußliche Klang des C.I. nach etlichen Neueinstellungen längst viel, viel angenehmer und auch tieftoniger geworden, und ich habe mich so daran gewöhnt, daß ich ihn als ganz normal empfinde. Verstehen tue ich mit C.I. alleine ausgezeichnet. Aber ich bleibe trotz aller Unkenrufe bei meinem beidseitigen, stereophonen Hören mit C.I. und Hörgerät. Die Mischung ist dem einseitigen Hören weit überlegen, ist schöner, harmonischer, voller, irgendwie bunter, lebendiger. Musik klingt wieder angenehm und wie Musik und nicht mehr wie eine Mischung aus Staubsauger, Kreissäge und Bohrmaschine. Aber Musik klingt nicht richtig und wird vermutlich auch nie wieder richtig klingen. Große Tonintervalle und Lautstärkeintervalle werden nicht verarbeitet, so klingt Vieles etwas monoton. Manche Soloinstrumente, langsam gespielt, klingen wieder sehr schön und sogar emotional. Musik ist für mich heute interessante und schöne Hörforschung. An langen, grauen Winterabenden nie mehr diese ungute, depressiv machende Stille! (Ich wohne auf dem Lande.) Jetzt höre ich Musik! Was tut es, daß sie nicht richtig klingt?
Ich war in diesem Winter nicht krank, hatte auch keine einzige sonst übliche Winterdepression!
Noch in diesem Jahr soll der HDO-Sprachprozessor auf den Markt kommen, also ein Sprachprozessor im Miniformat, der ohne Kabel wie ein Hörgerät getragen werden kann. Das Hören mit dem Winzling wird natürlich nicht besser sein als mit dem großen Gerät, dafür aber der Tragekomfort, und das dürfte für manche Hörgeschädigte ausschlaggebend sein. Dieser Winzling hat 2 Programme und soll mit 2 normalen Hörgerätebatterien 80 Stunden betriebsfähig sein.
Die Entscheidung für oder gegen ein C.I. ist sicher nicht leicht. Jeder muß sie ganz alleine für sich treffen und darf weder überredet noch gar gezwungen werden. Wie bei jeder anderen Operation gibt es Risiken, vor allem für diejenigen, die zusätzliche Erkrankungen haben. Ein Tinnitus kann, wie bei mir, nach der Implantation wesentlich besser werden, aber er kann sich auch verstärken. Das gleiche trifft für Gleichgewichtsstörungen zu. Da läßt sich keine verbindliche Vorhersage machen.
Aber die Voruntersuchungen sind sehr gründlich und genau, alle Risikofaktoren werden berücksichtigt und der Patient darüber genau informiert. Außerdem ist eine Voruntersuchung noch keine verbindliche Entscheidung.
Quelle: DSB Report 3/97