Literatur und Zeitschriften
 


Buchbesprechung

Birger Kollmeier (Hrsg.): Zeitschrift für Audiologie (Audiological Acoustics), Supplement I 1998, 208 S. (1. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) 11. / 12. März 1998 in Oldenburg.)

Dieser Tagungsband vereinigt neben dem Plenarvortrag von G. Neuweiler über die „Hörwelt echoortender Fledermäuse“ insgesamt 65 Kurzbeiträge aus den Arbeitsgruppen zumeist deutschsprachiger Universitäten und Akustikfirmen. Die Themenschwerpunkte sind: Nichtlinearitäten in Physiologie und Psychoakustik des Gehörs, Diagnostik des auditorischen und vestibulären Systems, Gleichgewichtsstörungen bei Kindern, Versorgung und Rehabilitation mit Hörgeräten und Cochlea-Implantaten, Hör-Spracherziehung und rehabilitative Maßnahmen beim Kind, Sozioakusis: Psychologische und medizinische Aspekte der Lärmbelastung, sowie die Ergebnisse des Berichtskolloquiums zum BMBF-Förderschwerpunkt „Hilfen für Hörgeschädigte“. Diese Fachbeiträge sind von der Terminologie und der Art der Darstellung in erster Linie für ein Fachpublikum gedacht, das sich seinerseits möglicherweise nur für die selbst bearbeiteten Facetten dieses Bandes interessieren wird. Dennoch soll hier ein Überblick über die zum Teil sehr disparaten Beiträge versucht werden.

Der Band beginnt mit den medizinisch-biologischen Aspekten des auditiven und vestibulären Systems und spannt den Bogen zu den vielfältigen Rehabilitationsansätzen bei vorliegender Schädigung. Im Vergleich zum Auge ist das Innenohr ein sehr viel kleineres Organ, das jedoch - als simultanes Hör- und Gleichgewichtsorgan - eine komplexere Verarbeitungsleistung zu erbringen hat. An seiner fast mikroskopisch kleinen Abmessung lag es naturgemäß, daß die Aufklärung seiner biophysikalischen Wirkungsmechanismen sehr viel langsamer voran kam, als es beim Auge der Fall war. Auch können scheinbar unbedeutende Energieeinwirkungen oder geringe Mengen von Giften zu Schädigungen des Innenohres führen, die im Gegensatz zu den besseren Möglichkeiten der Augenheilkunde, irreparabel und oft mit größeren psychosozialen Konsequenzen, die wir alle kennen, verbunden sind.

Die technologisch immer besser gerüstete Forschungsfront hat sich dennoch inzwischen bis zu den biomechanischen Transduktionsmechanismen des Innenohres vorgearbeitet. Die äußeren Haarzellen wandeln nicht allein den mechanischen Schwingungsdruck des Schalles in elektrische Impulse um, sondern versteifen bei größeren Lautstärken die schwingende Basilarmembran, so daß die beim gesunden Ohr vorhandene Dynamikbreite erreicht wird: Leise Töne werden verstärkt, während lautere Töne zunehmend gedämpft übertragen werden. Bereits dieser Kompressions - „Mechanismus“ (im engeren Wortsinne) ist bei sensorineural Schwerhörigen häufig geschädigt und muß durch die AGC-Schaltung moderner Hörgeräte kompensiert werden.

Nichtlineare Signalverarbeitungs- und Reduktionsprozesse finden auf allen Ebenen der Reizleitung zum Hörzentrum statt, die Gegenstand der Forschung wie der möglichen pathologischen Schädigung sind. Eine Reifung dieser Hörbahn setzt beim gesunden Gehör frühzeitig ein und kann bei dessen Ausfall durch rechtzeitiges Setzen eines Cochlea-Implants, wie Tierversuche zeigen, besser erreicht werden als in späteren Lebensphasen. Eine weitgehend erhaltene Hörbahn ist Voraussetzung für Cochlea-Implantate bei Spätertaubten, wie auch bei Späterblindeten eine aus jungen Jahren herrührende Sehbahn für das Einsetzen einer künstlichen Netzhaut (Retina-Implant) notwendig ist.

Mehrere Beiträge befassen sich mit Gleichgewichtsstörungen, die mit bestimmten Geräten (Drehstuhl) bereits im frühen Kindesalter festgestellt werden können. Auch die Schäden am Gleichgewichtsapparat Können die verschiedensten Ursachen haben und sehr verschieden lokalisiert sein. Sie bleiben, wie bei leichten oder langsam progredierenden Hörstörungen, oftmals unerkannt, weil der fehlende oder gestörte Gleichgewichtssinn durch andere Sinne unbewußt kompensiert wird. Diese sind hier das Gefühl der eigenen Muskelspanungen des Bewegungsapparates sowie die visuelle Orientierung im Raum. Das Phänomen der Neuorientierung von Sinnesqualitäten sei hier hervorgehoben, da es in der Evolution immer wieder Beispiele für Anpassungsvorgänge durch Spezialisierung oder Neuorientierung von Sinnesorganen gegeben hat. So steht die im Plenarvortrag von G. Neuweiler beschriebene Echosensitivität des Hörsinns bestimmter Fledermäuse exemplarisch für die evolutive Schaffung und Ausfüllung einer biologischen Nische.

Zahlreiche Beiträge widmen sich audiometrischen Verfahren zur genauen Charakterisierung des Hörschadens, mit der eine optimale Anpassung der Hörgeräte erzielt werden soll. Neben der konventionellen Hörschwellenaudiometrie und der Sprachaudiometrie ist bei Innenohrschäden eine überschwellige Audiometrie erforderlich, um die tatsächliche Lautheitsempfindung des geschädigten Gehörs zu erfassen. Bei sonst gleichen Hörschwellen können sich bei verschiedenen Patienten - bedingt durch den Ausfall der akustischen Kompression - ganz unterschiedliche Lautheitsskalierungen ergeben, die bei der Einstellung der elektronischen Kompression (frequenzabhängige AGC) des Hörgerätes berücksichtigt werden müssen. Mit hochwertigen Geräten läßt sich bereits heute die Hörfläche des gesunden Ohres nachbilden, so daß damit im Prinzip das normale Hören wiederhergestellt sein müßte. Tatsächlich ist das Problem jedoch weit komplexer. Auf Grund von Maskierungseffekten, dem Hören im Störschall sowie der Optimierung des Sprachverständnisses zuungunsten eines angenehmeren Höreindruckes müssen jedoch bei der praktischen Hörgeräteeinstellung starke Einschnitte in die audiometrischen Vorgaben vorgenommen werden.

Nachdem das Verstehen von Sprache in ruhiger Umgebung für mittel- bis hochgradig Schwerhörige heute durch moderne Hörgeräte weitgehend gewährleistet ist, bleibt das Problem „Hören im Störschall“ trotz massiver technischer Anstrengungen ein ungelöstes Problem, das vor allem auf die bislang nur teilweise verstandene Komplexität des Hörens und Verstehens auf Seiten der Physiologie und Medizin verweist. Sowohl bei Labormuster- als auch bei kommerziellen Hörgeräten wurde inzwischen über einfache Frequenzbandweichen hinaus eine Vielzahl von intelligenten Strategien zur Störschallunterdrückung entwickelt (Modulationsselektion, Hallfilterung und Seitschallunterdrückung durch Kopplung von Mikrofonen, Vorverarbeitung von Sprache), von denen jedoch bislang keine einen wirklichen Durchbruch für den Patienten bietet. So konnte gezeigt werden, daß ein modernes digitales Hörgerät (durch die bessere Hörflächenanpassung) im Vergleich zu hochwertigen analogen Geräten zwar ein angenehmeres Hören gewährleistet, aber beim Verstehen im Störschall nachweislich   k e i n e  Vorteile bringt. Jedoch wird erwartet, daß eines Tages durch die Bemühungen der mit dem gleichen Problem kämpfenden, wirtschaftlich potenten Kommunikationsindustrie (Mobilfunk, Netzwerkbetreiber) auch die Hörgeräteindustrie von neuen und aufwendigen Lösungen profitieren wird.

Auch im Bereich der Cochlea-Implantate ist man durch neue und vermehrte Elektroden sowie neue Sprachprozessoren um ständige Verbesserungen bemüht. Auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen Implantation bei gehörlos geborenen Kindern im Interesse einer rechtzeitig anzulegenden Hörbahn wird mehrfach hingewiesen. Es wird über die Verbesserung von Stimme und Sprache nach CI-Versorgung von spätertaubten Erwachsenen berichtet; auch wurde eine Untersuchung darüber angestellt, wie CI-Träger die sinnlichen Hörempfindungen von Einzellauten verbal beschreiben, also das angeben, was sie hören, und nicht, was sie hören sollten.

Durch den Einsatz von CI und modernen Hörgeräten bereits im Kindesalter erfolgte in den letzten Jahren eine Verschiebung zwischen den früher lebenslang in ihrer Identität festgelegten Betroffenengruppen „Gehörlose“, „hochgradig Schwerhörige" und „leicht- bis mittelgradig Schwerhörige“. CI-versorgte Kinder können heute in eine Schwerhörigenschule integriert und lautsprachlich ausgebildet werden. Mit modernen Hörgeräten schon in der Zeit des Spracherwerbs versorgt, können Kinder mit leichten oder mittelgradigen Hörschäden im Prinzip auch in Regelschulen unterkommen. Für Schwerhörigenschulen wird von Eltern nun gefordert, daß die Kinder mit ihren weitgehend als natürlich empfundenen Hörgeräten „hörgerichtet“ ausgebildet werden und dort nicht mehr wie früher das Schwergewicht auf die nischenhafte Kompensation des Hörverlustes (Absehen, verlangsamtes, artikuliertes Sprechen des Lehrers) gelegt wird. In diesem Zusammenhang wird auch eine zusätzliche audiologische und gerätetechnische Qualifikation des Schwerhörigen-Pädagogen verlangt.

Abschließend wird auf die Genese von Hörstörungen im Jugendalter eingegangen. Überraschend ist, daß von allen nennenswerten Hörstörungen nur 4 % bereits im Kindes- und Jugendalter vorliegen. Der weitaus größere Teil aller Hörstörungen wird von Erwachsenen oder erst im Alter erworben. Bereits im jugendlichen Erwachsenenalter besitzen nur noch etwa 40 % (bei männlichen Personen) ein vollkommen normales Gehör. Die zumeist einseitig festgestellten leichten Hörschäden wurden als Folgen von Knalltraumen vermutet; bilaterale Schäden infolge des oft zitierten „Diskolärms“ konnten interessanterweise durch Statistiken  n i c h t  nachgewiesen werden.

In diesem Tagungband der Deutschen Audiologischen Gesellschaft sind nahezu alle Facetten berührt worden, die hörbehinderte Menschen betreffen. Gewünscht hätte man sich einige Beiträge über die genetischen Ursachen vererbter Hörstörungen und daraus abgeleitete Hinweise für die Familienplanung betroffener Eltern. Ein zweiter in diesem Band ausgeblendeter Komplex ist die hör- und hörbehindertengerechte bauakustische Gestaltung von Räumen. Dieser derzeit durch DIN-Normen noch abzusichernde Bereich wird für uns, wie zu hoffen ist, einen erheblichen Zuwachs an „barrierefreier“ Lebensqualität in öffentlichen Räumen bringen.

Bei der Einbindung des zahlreichen Bildmaterials in den Beiträgen hätte man sich, wie in anderen Zeitschriften üblich, eine stärkere redaktionelle Kontrolle gewünscht. Viele Abbildungsdetails und Beschriftungen waren nach der Verkleinerung auf den Spaltensatz nur noch mit einer Lupe zu erkennen. Auch wären neben den wenigen Druckfehlern die zahlreichen Silbentrennungsreste der eingereichten Originalmanuskripte sicher zu eliminieren gewesen.

Insgesamt ist dieser Band ein erfreuliches Dokument eines ungebrochenen und stetig fortgeführten wissenschaftlichen Bemühens um die Belange von uns hörgeschädigten Menschen. Wie im einführenden Plenarvortrag von G. Neuweiler gefordert, ist die langfristige Zusammenarbeit verschiedenster Wissenschaftszweige für den weitere audiologische Forschung unabdingbar. Auch im Interesse anderer Forschungsgebiete wäre ein dauerhaftes Auflösen der disziplinären Grenzen innerhalb unserer Wissenschaftslandschaft notwendig.

Dr. Hans-Jürgen Krug.

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Originaladresse von dieser Seite: 
www.tr.wosc.osshe.edu/dblink/usher-III.htm

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