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Kommunikationshilfen und Rehamaßnahmen


Verwandlung der Räume:

Die Entwicklung eines angepaßten Arbeitsplatzes

Dieser Gemeinschaftsartikel wurde verfaßt von Seija Troyano, die vom Usher-Syndrom III  betroffenen ist, und von Anni Lausvaara, die in Finnland ein nationales Berufsbildungsprojekt für Taubblinde leitet. In den kursiv gedruckten Passagen erzählt Seija über ihre persönlichen Erfahrungen mit den physikalischen Gegebenheiten ihres Arbeitsplatzes - einer Kindertagesstätte - und ihrer Wohnung. Anni ergänzt Seijas Bericht durch ihre Erfahrungen bei der Unterstützung von Menschen mit Usher in ihren beruflichen Umfeldern.

Aus: DbI-Review, No. 22 (July-August 1998), S. 10-12.
DbI = Deafblind International. Dt. von Hans-Jürgen Krug.

Die Bedeutung des physikalischen Umfeldes für einen Taubblinden ist eminent. Im ungünstigsten Fall können Störlärm und Sehprobleme dem Taubblinden so viel Energie abfordern, daß ihm bei der Arbeit nur wenige Reserven zum Einsatz seiner beruflichen Fähigkeiten verbleiben! Dagegen kann ein gut funktionierendes Umfeld einen Taubblinden in die Lage versetzen, an seinem Platz Erfolg zu haben.

In diesem Aufsatz wollen wir anhand von Beispielen  die optimale Einrichtung eines Arbeitsplatzes diskutieren.

Beleuchtung

Die Kindertagesstätte, in der ich arbeite, ist übersichtlich aufgebaut. Dies ist sehr wichtig in der Beziehung, wie ich mich in bezug auf Mobilität und Sehen in dieser Umgebung zurechtfinde. Die insgesamt sechs Abteilungen befinden sich in zwei Stockwerken. Inmitten des Gebäudes ist ein Garten mit Swimmingpool, einer Lagerfeuerstelle, einem Buddelkasten und vielen Pflanzen. Im Garten, der mit einem Glasdach abgedeckt ist, ist es sehr hell. Nach meiner Meinung sind die Lichtverhältnisse an meinem Arbeitsplatz gut. Dazu dienen Leuchtstofflampen, die nach Bedarf ein- und ausgeschaltet werden. Ich kenne viel dunklere Arbeitsplätze als meinen!

Eine  gleichmäßige  Allgemeinbeleuchtung sorgt für ein angenehmes Arbeitsumfeld für einen Menschen mit Retinitis Pigmentosa. Als Faustregel sollte sollte die Beleuchtungsstärke zwischen 300 und 500 Lux liegen. Werte unter 200 Lux  lassen das Haus dämmerig erscheinen, und der Bereich unter 50 Lux wird als Dunkelheit empfunden. An den einzelnen Arbeitsplätzen wird zusätzliches Licht  benötigt. Es sei daran erinnert, daß zwischen dem Arbeitsplatzlicht und der Allgemeinbeleuchtung kein zu großer Unterschied bestehen darf, da  die Augen nur langsam auf den Wechsel der Beleuchtungen reagieren können (Seppälä 1993). Helleres als das allgemeine Licht kann Niveauunterschiede in der physikalischen Umgebung hervorheben.

Ich besitze einige Erfahrungen, wie man ein Lebensumfeld zugunsten taubblinder Menschen verändert. Bevor ich einzog, wurde das ganze Gebäude renoviert, und es wurden alle Lampen, Farben, Kontraste, Türen, Küchenschränke usw. mit Hilfe eines Architekten und eines Beleuchtungsspezialisten aus dem Zentralkrankenhaus geplant. Nun gibt es eine wirkungsvolle Beleuchtung besonders in der Küche, dem Wohnzimmer und im Flur. Selbst die Sauna ist gut beleuchtet! Das Ergebnis ist sehr zufriedenstellend. Zur gleichen Zeit wurde das ganze Gebäude mit besserer Beleuchtung in den Korridoren, den Fahrstühlen und in anderen Gemeinschaftsbereichen ausgestattet. Dies nützt auch allen anderen Bewohnern!

Für einen Menschen mit Usher ist eine indirekte Beleuchtung optimal. Das Licht wird von Wand und Decke reflektiert, so daß es die Augen nicht direkt treffen und blenden kann. Indirektes Licht bringt auch die Kontraste besser zur Geltung, so daß die Orientierung erleichtert wird. Indirektes Licht wird von glänzenden Oberflächen nicht in dem Maße reflektiert wie direktes Licht, was ein bemerkenswerter Vorzug ist.

Beim Anbringen von Einzelplatzlampen in der Kindertagesstätte sollten auch die Vorratsräume (im und außerhalb des Gebäudes) mit einbezogen werden. Es sehr wichtig, daß die Lampen nicht in Augenhöhe angebracht werden und damit nicht unmittelbar blenden können.  Auch das Tageslicht muß für die Beleuchtung mit eingeplant werden. Das Tageslicht ist eine sehr starke Lichtquelle, jedoch blendet direktes Sonnenlicht durch die Fenster zu stark. Eine gute Lösung bieten Jalousien, da mit ihnen der Lichteinfall wahlweise nach oben oder nach unten gelenkt werden kann. Da infolge der Netzhautdegeneration die Hell-Dunkel-Adaption stark verlangsamt ist, muß auch auf die Beleuchtung des Hofes und des Einganges geachtet werden. Die Kinder werden vom Personal der Kindertagesstätte ein- oder zweimal am Tag zum Spielen nach draußen gebracht. In den nördlichen Breiten variiert die Stärke des Tageslichtes je nach Jahreszeit zwischen völliger Dunkelheit und strahlender Sonne über einer noch stark reflektierenden Schneedecke! Kommt man aus dem hellen Tageslicht in den Flur, erscheint dieser dunkel und gefährlich. Aus dem Dämmerlicht der Abendstunden kommend, wird man dort jedoch geblendet. Eine optimale Lösung wäre, das Licht des Eingangsbereiches dem sich allmählich ändernden Tageslicht anzupassen (Jokiniemi 1998). Eine passende Außenbeleuchtung schafft in solchen Übergangssituationen Abhilfe. Die Lichtmenge muß angepaßt sein, und hier sollten die effektiveren Quecksilberdampflampen anstelle von Glühlampen verwendet werden (Seppälä 1993).
 
 

Der Einsatz von Farben und Kontrast

Das Usher-Syndrom bewirkt auch eine verminderte Kontrastempfindung, d.h. eine verminderte Kontrastdifferenzierung. Die Fähigkeit des visuellen Apparates, Unterschiede in Helligkeit oder Dunkelheit zwischen beieinanderliegenden Flächen wahrzunehmen, wird schwächer.

Ich arbeite in der Kindertagesstätte seit zehn Jahren. In dieser Zeit hat es einige Renovierungen gegeben, und die sinnvollste war die Erhöhung der Kontraste. Der Innenhof ist übersichtlich gegliedert, und die Pflanzen und Bäume in ihm machen die Kontraste noch deutlicher.

In meiner Wohnung haben die Türen und Schwellen Latten in verschiedenen Farben, um die Orientierung zu erleichtern. Das 15stöckige Gebäude hat auch Kontraste auf den Treppen. Die Kontraste sind deutlich aber diskret. Diese Lösungen sind gleichermaßen auch für alle anderen Hausbewohner brauchbar, die keine Sehprobleme haben.

Am wichtigsten für Fußboden, Wände und Decke ist eine schlichte Farbgebung. Die Böden können eine etwas dunklere Farbe haben als die Wände und die Decke, da das meiste Licht auf die horizontale Fläche fällt. Für Oberflächenmaterialien werden helle Farben  gefordert, da bei großen Flächen dunkle Farben zu viel Licht absorbieren (Jokiniemi 1998). Andererseits kann von rein weißen Flächen eine Blendwirkung ausgehen.

Ein Muster auf dem Fußbodens kann die Orientierung erschweren, während Leitstreifen auf ihm zum Ausgang oder zur Treppe weisen können. Aus Sicherheitsgründen ist es angezeigt, Kreuzstreifen als Markierung vor einzelnen Stufen anzubringen (Verhe 1996).
 

Akustik

Das einzig Unvorteilhafte an meinem Arbeitsplatz ist die Halligkeit. Sie wird besonders von den Kindern verstärkt, und im Augenblick gibt es 23 davon! Wen sich beispielsweise alle Kinder gleichzeitig ihre Sachen anziehen, möchte ich am liebsten meine Hörgeräte ausschalten!

Übermäßiger Hintergrundlärm und Hall machen das Umfeld für Nutzer von Hörgeräten untragbar. Deshalb muß die Akustik verbessert werden, und man sollte üblicherweise 30 - 50 % der Decke mit einem schallschluckenden Material auskleiden. In gleicher Weise sollten eine oder zwei Wände zu über einem Drittel ihrer Fläche ausgestattet werden. Küchenmaschinen und klappernde Schüsseln in der Küche erfordern, daß wenigstens die Decke akustisch freundlich gestaltet wird. Die Türen sollten dicht abschließen. Auch lange, dicke Vorhänge, Wandtextilien, Teppiche und Bücherregale dämpfen das Echo. Möglicherweise ratternde Tisch- und Stuhlbeine können mit einem schalldämpfendem Marterial wie Filz oder Auslegware belegt werden. Schließlich sollten die Eingangsöffnungen der Klimaanlage mit einer dämpfenden Haube versehen werden.

Inzwischen stehe ich auf einem guten Fuß mit dem Echo, und wenn erforderlich, erinnere ich die Kinder daran, ihre Lautstärke zu drosseln! Die Tatsache, daß ich gelegentlich diese Bemerkung mache, erfreut meine Kollegen und deren Ohren!

Den größten Beitrag zum Hintergrundlärm in der Kindertagesstätte leisten die Stimmen der Kinder. Der Lärmpegel wurde mit 76 bis 84 dB gemessen (Helsingin Sanomat 1997). Diese Werte sind alarmierend hoch, nicht nur für Hörgeräteträger, sondern auch für alle anderen.

Ein wirksamer Weg zur Lärmminderung ist, die Kinder aufzumuntern, sich die Wirkung von Lärm auf Menschen mit doppelter Sinnesbehinderung vorzustellen. So könnnen die Kinder beispielsweise hören, wie die Stimmen verstärkt klingen, wenn sie einmal selbst die Erfahrung eines Hörgerätes machen. Auch das eingeschränkte Gesichtsfeld kann bequem simuliert werden, indem man sich die Welt durch ein Loch in einem Blatt Papier anschaut.
 

Schluß

In jedem Herbst kommen neue Kinder in unsere Vorschulklasse. Ich glaube, daß es wichtig ist, meine Situation auf dem Elternabend zu beschreiben und von meinem Hören und Sehen zu erzählen. Wissen macht vieles einfacher und vemeidet viele Mißverständnisse.

Neben dem physikalischen Umfeld des Arbeitsplatzes ist das soziale Umfeld ebenso wichtig. Es ist der taubblinde Mensch selbst, der der Experte für Kommunikation an seinem Arbeitsplatz ist. Diese Fähigkeiten sind es Wert, umgesetzt und verbessert zu werden.
 
 

Literatur

Helsingin Sanomat, 16. 9. 1997: Große Kindergruppen in Tagesstätten erzeugen einen alarmierend großen Lärm (Finn.).

Jokiniemi, J. (1998): Arbeitsumfeld für jeden. Sehbehinderte Menschen ermessen die konstruierte Umwelt (Finn.). TU Helsinki, Fakultät für Architektur, 1998/48.

Seppälä, J. (1993): Der Zweck der Beleuchtung für die Leistungsfähigkeit sehbehinderter Menschen (Finn.). Hrsg. vom Zentralen Sehbehindertenverband.

Verhe, I. (1996): Die übersichtliche Umwelt (Finn.). Hrsg. von Rakennusalan kustantaja (RAK) und dem Zentralen Sehbehindertenverband, Helsinki.

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Originaladresse von dieser Seite: 
wwwitp.physik.tu-berlin.de/~krug/usher/focus_on_environment.html

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